Seit dem ersten benzinbetriebenen Automobil von Karl Benz und der späteren industriellen Revolution in der Fertigung, die Henry Ford mit dem Konzept der Fließbandproduktion einleitete, prägt die Automobilindustrie seit weit über einem Jahrhundert die Weltwirtschaft.
Die konsequente Standardisierung von Prozessen und Komponenten, kombiniert mit einer langen, sicheren und hochgradig optimierten Lieferkette, sind wesentliche Faktoren für die breite Verfügbarkeit zuverlässiger Maschinen, die in nahezu jeder besiedelten Umgebung der Erde eingesetzt werden können.
Jede Automobilkomponente wird unter strengen Anforderungen entwickelt, um eine lange Lebensdauer unter nahezu allen Umgebungsbedingungen sicherzustellen: extreme Temperaturschwankungen, Chemikalien- und Strahlenbelastung sowie hohe mechanische Beanspruchungen. Viele Fahrzeuge weltweit legen Millionen von Kilometern zurück, oft sogar ohne konsequente Wartung. Im Laufe der Zeit hat sich das moderne Automobil zu einem echten Computer auf Rädern entwickelt.
Heute werden die meisten Fahrzeugfunktionen, von der Türverriegelung bis zur Motorsteuerung, durch elektronische Systeme an Bord gesteuert. Das ist zwar nicht neu, doch die Datenmengen, die traditionelle Fahrzeugsysteme erzeugen, sind vergleichsweise gering. Moderne Sensortechnologien wie Radar-, Kamera- und LiDAR-Systeme werden jedoch zunehmend in Fahrzeuge integriert, um fortschrittliche Sicherheitsfunktionen und autonomes Fahren zu ermöglichen. Diese Systeme erzeugen enorme Datenmengen, die häufig mehrere Gigabit pro Sekunde (Gbps) erreichen.
Um diese stetig steigenden Datenraten zu bewältigen, müssen neue Rechnerarchitekturen, Kommunikationsprotokolle und Übertragungssysteme aufeinander abgestimmt entwickelt werden. Diese enge Zusammenarbeit, die typisch für das automobile Ökosystem ist, hat ein äußerst zuverlässiges und robustes Umfeld für Halbleiterhersteller, Steckverbinderlieferanten und Kabelproduzenten geschaffen. Gemeinsam bilden sie das Rückgrat leistungsfähiger Datenübertragungs- und Verarbeitungssysteme, die schon bald Technologien wie vollautonome Robotaxis zum alltäglichen Bild in unseren Wohngebieten machen werden.
Warum das Rad neu erfinden?
Der bewährte Erfolg der Automobilindustrie in Bezug auf Zuverlässigkeit, Skalierbarkeit, resiliente Lieferketten und Kosteneffizienz hat die Aufmerksamkeit neuer Wachstumsbranchen geweckt. Zwei prominente Beispiele sind humanoide Robotik und satellitengestützte Internetkonstellationen.
Anstatt völlig neue Technologien von Grund auf neu zu entwickeln, setzen diese Branchen zunehmend auf Automobiltechnologien, die gezielt an ihre Anforderungen angepasst werden. Die Herausforderungen ähneln dabei stark denen moderner Fahrzeuge: ein kontinuierlich wachsender Bedarf an Datenübertragung und Datenverarbeitung.
Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, greifen Entwickler von humanoiden Robotern und Satellitenkonstellationen auf Kommunikationsprotokolle zurück, die ursprünglich für den Einsatz im Automobil entwickelt wurden. Der Vorteil liegt auf der Hand: Das gesamte Ökosystem ist bereits ausgereift und umfassend erprobt. Chips, Steckverbinder und Kabel für Datenraten im Multi-Gigabit-Bereich sind verfügbar und werden von einer äußerst robusten globalen Lieferkette unterstützt, die auf Großserienfertigung, Qualitätssicherung, schnelle Entwicklungszyklen und kosteneffiziente Produktion spezialisiert ist.
Bei humanoiden Robotern stehen insbesondere zwei Herausforderungen im Mittelpunkt: Energieeffizienz und mechanische Belastbarkeit. Künftige Robotergenerationen müssen über lange Zeiträume autonom arbeiten und gleichzeitig Ladezeiten minimieren. Schnellladen wird daher zu einer entscheidenden Anforderung. Gleichzeitig sollen Wartungsintervalle möglichst reduziert werden, weshalb Kabel- und Verbindungssysteme während ihrer Lebensdauer Millionen wiederholter Bewegungen zuverlässig überstehen müssen.
Bei Satellitenkonstellationen liegt die Herausforderung hingegen in den extremen Bedingungen des Weltraums. Strahlung, Vakuum, atomarer Sauerstoff und starke Temperaturschwankungen stellen außergewöhnliche Anforderungen an sämtliche Komponenten. Moderne Satelliten sollen mindestens fünf Jahre im Orbit zuverlässig funktionieren und während ihrer gesamten Mission konstante Leistung liefern.
Von der Straße zu Robotern und ins All
Mit der Weiterentwicklung dieser neuen Industriezweige nutzen Unternehmen wie GG Jahrzehnte an Automobil-Know-how, um Herausforderungen in den Bereichen Robotik, Elektrifizierung und Raumfahrt zu lösen.
Ein Beispiel dafür ist die Power2Flow®-Technologie von GG, eine innovative Verkabelungslösung mit integrierter aktiver Flüssigkeitskühlung. Mit steigenden Ladeleistungen im Automobilbereich wird das Thermomanagement zu einem der wesentlichen Faktoren für kürzere Ladezeiten. Die aktive Kühlung ermöglicht deutlich höhere Stromtragfähigkeiten bei gleichzeitig sicheren Betriebstemperaturen. Dadurch werden Schnellladefunktionen realisierbar, die zukünftige Fahrzeugplattformen wie Robotaxis ebenso benötigen wie autonome Robotersysteme, um Produktivität zu maximieren und Stillstandszeiten zu minimieren.
Gleichzeitig entwickelt GG eine neue Generation hochflexibler Kabel speziell für Robotikanwendungen. Diese Kabelsysteme sind darauf ausgelegt, Millionen von Biege- und Torsionszyklen zu überstehen und dabei ihre elektrische und mechanische Leistungsfähigkeit beizubehalten. Auf Basis automobiler Qualitätsstandards sollen diese Entwicklungen die Zuverlässigkeit gewährleisten, die für den kontinuierlichen Betrieb von Industrie- und humanoiden Robotern erforderlich ist.
Der Transfer von Automobil-Know-how reicht inzwischen sogar über die Erde hinaus. Im Rahmen des 2Space®-Programms entwickelt GG fortschrittliche Kabeltechnologien für Satellitenanwendungen, die den extremen Bedingungen im niedrigen Erdorbit (LEO) standhalten können. Das Projekt baut auf den erfolgreichen Erfahrungen des 2Speed®-251-Ökosystems auf und adaptiert bewährte Hochleistungs-Technologien zur Datenübertragung durch den Einsatz spezialisierter Materialien und weltraumtauglicher Designs.
Ziel ist die Entwicklung leichter, zuverlässiger und robuster Verbindungslösungen, die Strahlung, Vakuumbedingungen und extreme Temperaturwechsel überstehen und gleichzeitig die Hochgeschwindigkeits-Datenkommunikation moderner Satelliten ermöglichen.
Mehr als ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung treibt die Automobilindustrie weiterhin technologische Revolutionen weit über den Transportsektor hinaus voran. Ob autonome Fahrzeuge, humanoide Roboter oder Satellitenkonstellationen: Technologien, die ursprünglich für Automobile entwickelt wurden, bilden heute die Grundlage völlig neuer Industrien. Die neue industrielle Revolution, so scheint es, steckt noch immer im Auto.
Der Artikel erschien auch in Wire & Cable Technology: Wire and Cable Technology International • September/October 2026 • Page 156
Photo: Ford Motor Co. Highland Park Plant - Engine Drop, 1913. [Photographic Prints]. Retrieved from https://libwww.freelibrary.org/digital/item/53572